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Tekkkno
Oktober 20, 2007, 9:06 pm
Filed under: music, stories

Ein Zwiegespräch über die Technokultur das etwa vor einem halben Jahr stattfand.
Photos alle von philippe leroy
, a wonderful photographer.

Zum Gespräch trafen sich zwei, mittlerweile über dreissigjährige „Technojünger“ der ersten Stunde, um die phantastische Zeit von damals nochmals Revue passieren zu lassen. In Erinnerungen an die Anfänge des Techno und die eigene Jugend schwelgend, bewegt sich das Gespräch hin zu einer kritischen, aktuellen Lageeinschätzung, weiter über Musiktheoretisches und schliesslich zu der Erkenntnis, eigentlich doch nicht alles für so schlecht zu befinden. Höhepunkt des Gesprächs: M gibt zum Besten, warum es sich denn auch heute immer noch lohnt die Streetparade zu besuchen.
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G:
Ich zitiere mal aus dem Techno-Film „Feiern“: Verschwitzt, verstört und überglücklich. Alle sind auf der Suche nach dem Glück, dem Moment kollektiver Ekstase, der richtigen Platte zur richtigen Zeit, dem 8-Stunden Gespräch mit einem Unbekannten, der über Nacht zum besten Freund wird. Auf einer Technoparty, könne man mit einem Löffel auf einen Kochtopf schlagen; solange es im Rhythmus wäre, würde niemand nach Hause gehen. Ist das so? Ist das noch so? Was meinst du? Ich denke, Leute, die exzessiv feiern wird es immer geben, nur unsere Jugend und der grosse Techno-Hype sind vorbei.
M:
Ja, diese Bilder sagen mir schon was, bei mir war es ja auch so. Die Zeiten haben sich aber natürlich verändert, man wird älter. Viele aus der 68-er Bewegung sind ja auch keine Hippies mehr, sondern schnitten sich die Haare und haben eine Familie, gehen einer geregelten Arbeit nach. Es war aber damals aber auch sicherlich mehr als nur exzessives Feiern. Es war ein Lebensgefühl. Früher hörte ich es auch nicht so gerne, dass Techno in erste Linie mit Drogen in Verbindung gebracht wird. Durch die Technobewegung konnte man sich doch vor allem kreativ ausleben. Jeder war ein Star, wir konnten uns inszenieren, jeder fühlte sich enorm gut. An den früheren Parties erschienen die Leute vielleicht einmal im Abendkleid, dann mal im Tauchanzug oder mit der Gasmaske, es war einfach ausgeflippt und frei von Zwängen. Laute Musik, Lichtshow, exzessives Tanzen, Extasy und Sex, das war mein ganzes Leben. Ich bin damals in der ganzen Schweiz umhergereist, von Zürich nach Basel, dann nach Neuenburg in die Afterhour, …dann direkt in die Gewerbeschule am Montag Morgen. Früher gab es z.B. die Wohlgrott, die Egloff-Fabrik, das Planet E, das Etzel, die Parties wurden an den verrückteste Orten durchgeführt. Es war auch noch möglich, dass z.B. The Prodigy an einer kleineren Party spielten. Heute hat sich natürlich vieles etabliert.
bunny.jpg
G:
Ja, das war eine geile Zeit. Wir waren damals ja schon die zweite Generation, das war so um 1993, da schwappte dann die ganz grosse Welle über die Schweiz. Wir wurden Zeugen einer grossartigen Zeit, an jeder Ecke wurden plötzlich Parties organisiert, es waren die ganz grossen Gefühle, die wir damals hatten, der Big Bang. Die speziellen Leute, die vielen Drogen, der Sound, es war einfach eine eigene, phantastische Atmosphäre, eine Parallelwelt, sozusagen Alice im Wunderland. Feiern kann ich heute natürlich immer noch, aber es wird nichts mehr so sein wie damals.
M:
Es war auch lustig, wer z.B. alles ins Oxa kam, jeden Sonntagmorgen kamen Leute aus der ganzen Schweiz. Auch aus Deutschland. Auf der „Oxa-Promenade“ kannte man sich. Es ging zu und her wie auf einem Markt, man konnte dort z.B. auch offen Drogen kaufen. Zu Drogen sag ich aber auch, man kann sich damit natürlich auch schnell aufs Abstellgleis befördern. Drogen sind ein Katalysator, im Guten wie im Schlechten.
G:
Heute ist einfach alles 1000mal grösser geworden, ist Normalität, unpersönlicher Mainstream, die Streetparade ist ein Nationalfest geworden. Es hat einfach nicht mehr den speziellen Touch. Techno ist erwachsen geworden, und es ist vielleicht wie beim Menschen auch, die Jugend hat grosse Emotionen und Ideale, später ist vieles dann einfach nur noch Schubladendenken und Business. Ich denke auch, in 20 Jahren hat die Streetparade wahrscheinlich gar nichts mehr mit Techno zu tun, und ist einfach zum traditionellen Stadtfest mutiert, so wie das Sechseläuten.
M:
Ja und Nein, liegt das nicht vorallem auch an dir? Es gibt doch auch heute noch die speziellen Momente, z.B. an illegalen Privatparties. Ich habe an der letzten Streetparade auch Sachen erlebt, die glaubst du gar nicht. Eine wildfremde Schönheit gibt mir einen Zungenkuss und plötzlich war auch noch ihre Hand in meinen Unterhosen. An der Streetparade wurde mir übrigens auch noch Extasy angeboten, am Sechseläuten nicht.
schrei-200.jpg     gasmaske-200.jpg
G:
Heute läuft mir einfach zuviel billiger Trance und Schicki-Micki House an der Parade. Ich denke da z.B. Antoine und Tatana, das ist in meinen Augen einfach nur noch kommerzielle Musik und hat nicht mehr viel mit Innovation zu tun. Ok, ich hab neulich ein sehr geiles Trance-Set von Dj Sasha gehört. Trance war früher aber irgendwie viel qualitativer als heute. Klar heute laufen auf der Parade auch noch so Sachen wie Minimal und Detroit Techno, die ich gut finde.
M:
Minimal Techno gibts aber auch schon länger, 1994 erschien „Minimal Nation“ von Robert Hood, auch Terrence Dixon machte ähnlich Musik. Jeder von uns hatte damals diese Platte, das war ein Pflichtkauf. Ich denke da auch an einen Mike Ink aus Köln, diese Ströme haben sich zu dem Minimal Sound von heute entwickelt. Ein Juno 106, eine TR 909, ein Effektgerät und ein Bügelbrett, damit machte Robert Hood ein ganzes Album. Detroit Techno ist natürlich auch geil, ich liebe Sachen wie Juan Atkins, Kevin Saunderson Derrick May oder Jeff Mills. Das empfinde ich als sehr soulig, das ist Black Music.
G:
Aus dem Detroit Techno entwickelte sich doch eigentlich auch der Trance-Sound. Hatte nicht Juan Atkins gewisse Trance Anleihen in seinen Tracks? Ist es nicht so, dass Techno gleichzeitig in Amerika und Europa entstanden ist, die Detroit Clique in den USA, dann Leute wie Westbam aus Deutschland und auch aus Grossbritannien? Lustig: Früher erklärte mir mal jemand Techno; „also da kommt eine Kickdrum, dann kommt eine Snare, dann ein Clap usw.“ So banal ist das natürlich nicht. Ist doch eigentlich eine ziemlich grosse Kunst, geilen Sound zu produzieren, oder?
M:
Das Baukasten-Aufbau-Prinzip hat aber schon was. Früher war es sicherlich auch ein bisschen einfacher ein Platte zu veröffentlichen. Aber du hast recht, viele schaffen es nicht den ultimativen Sound herzustellen.
G:
Ach, hoffentlich kommt da noch was, eine neue Welle, einfach etwas Neues. Ich bin eigentlich trotzallem optimistisch. Siehst du das auch so, oder wie stellst du dir die Zukunft des Techno vor?
M:
Ja, ich bin auch optimistisch, die Erde dreht sich ja unaufhörlich weiter. Ich denke My Space ist sicher eine super Plattform für Nachwuchskünstler. Die Web 2.0 Sachen sind ein Gewinn, jeder kann mitmachen. Durch die ganzen Interaktionen ist einfach viel mehr möglich. Sicher gibt es nach wie vor Ausnahme-Künstler, aber jeder ist ein Star.


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